Vergaberecht · GWB · seit Juli 2026

Vergabebeschleunigungsgesetz 2026: Der Praxis-Guide für öffentliche Auftraggeber

Das Gesetz zur Beschleunigung der Vergabe öffentlicher Aufträge vom 12. Mai 2026 (BGBl. 2026 I Nr. 137) ist seit dem 1. Juli 2026 in Kraft. Es bringt neue Regeln für Direktaufträge, Losvergabe, digitale Souveränität und Rechtsschutz. Was sich konkret geändert hat und wo die Kritik ansetzt.

Stand: 29.10.2026 · ca. 12 Min. Lesezeit


Inhalt
Was ist das Vergabebeschleunigungsgesetz? Die 5 wichtigsten Änderungen im Detail Was Auftraggeber jetzt anpassen sollten Die Kritik: Was Verbände und Juristen bemängeln Fazit

Was ist das Vergabebeschleunigungsgesetz?

Das Vergabebeschleunigungsgesetz heißt amtlich „Gesetz zur Beschleunigung der Vergabe öffentlicher Aufträge“. Es ist ein Artikelgesetz und ändert unter anderem das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), die Vergabeverordnung (VgV), die Sektorenverordnung (SektVO), die Bundeshaushaltsordnung (BHO), das Wettbewerbsregistergesetz und die Vergabestatistikverordnung. Das Ziel steht im Titel: Vergaben sollen schneller werden. Dazu kommen neue Spielräume bei Souveränitäts- und Klimakriterien.

12.05.2026
Ausfertigung
Gesetz vom 12. Mai 2026
18.05.2026
Verkündung
BGBl. 2026 I Nr. 137
01.07.2026
Inkrafttreten
Neue Regeln gelten

Das Gesetz setzt an mehreren Stellen an: Die Wertgrenze für Direktaufträge des Bundes steigt deutlich, der Losgrundsatz bekommt eine neue Ausnahme für bestimmte Infrastrukturvorhaben, und der Rechtsschutz für unterlegene Bieter wird eingeschränkt. Vor allem der letzte Punkt ist umstritten.

Geänderte Rechtsgrundlagen (Auswahl)
  • GWB: u. a. §§ 97, 113, 121, 122, 169, 173 geändert, § 97a neu
  • VgV: u. a. § 58 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 ergänzt
  • BHO: § 55 neu gefasst, Direktauftrag bis 50.000 Euro
  • Wettbewerbsregistergesetz und Vergabestatistikverordnung: Wertgrenzen auf 50.000 Euro angehoben
Schwerpunkte der Änderungen
  • Gesamtvergabe bei bestimmten Infrastrukturvorhaben (§ 97a Abs. 3 GWB)
  • Direktaufträge des Bundes bis 50.000 Euro (§ 55 Abs. 2 BHO)
  • Digitale Souveränität als Zuschlagskriterium (§ 58 VgV)
  • Klimaanforderungen per Verordnung möglich (§ 113 GWB)

Die 5 wichtigsten Änderungen im Detail

Die Änderungen betreffen unterschiedliche Bereiche des Vergaberechts. Nicht alle sind für jeden Auftraggeber gleich relevant. Eine Bundesbehörde, die Schieneninfrastruktur beschafft, ist von anderen Regeln betroffen als eine kommunale Vergabestelle, die IT-Leistungen ausschreibt.

01
Direktauftrag bis 50.000 Euro netto: mehr Spielraum, gleiche Grundsätze

Der neu gefasste § 55 Abs. 2 BHO erlaubt Direktaufträge bis zu einem voraussichtlichen Auftragswert von 50.000 Euro ohne Umsatzsteuer. Bis zu dieser Grenze können Auftraggeber des Bundes Leistungen ohne Vergabeverfahren beschaffen, also ohne Ausschreibung und ohne Teilnahmewettbewerb.

Parallel dazu sind zwei weitere Wertgrenzen auf denselben Betrag gestiegen: Die Pflicht zur Abfrage des Wettbewerbsregisters greift erst ab einem geschätzten Auftragswert von 50.000 Euro (§ 6 Abs. 1 WRegG, vorher 30.000 Euro). Unterhalb der EU-Schwellenwerte übermitteln öffentliche Auftraggeber Daten an die Vergabestatistik erst, wenn der Auftragswert 50.000 Euro überschreitet (§ 2 Abs. 2 Nr. 1 VergStatVO, vorher 25.000 Euro).

Was bleibt: Auch beim Direktauftrag gelten die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Der Auftraggeber soll zwischen den beauftragten Unternehmen wechseln (§ 55 Abs. 2 Satz 2 BHO). Auch ohne Vergabeverfahren sollte nachvollziehbar festgehalten werden, wie die Beschaffung zustande kam.

Praxishinweis: § 55 Abs. 2 BHO gilt für den Bund. Die Länder legen eigene Wertgrenzen fest; maßgeblich ist die Vorschrift Ihres Landes bzw. Ihrer Kommune.
Kritische Einordnung: Mit 50.000 Euro können erhebliche IT-Leistungen außerhalb jedes Wettbewerbsverfahrens vergeben werden. Der Anbieterwechsel ist als Sollvorschrift formuliert, nicht als strikte Pflicht.
02
Neuer § 97a GWB: Losvergabe bleibt Regelfall, Infrastruktur wird Ausnahme

Der Losgrundsatz stand bisher in § 97 Abs. 4 GWB. Jetzt steht er im eigenständigen § 97a GWB; § 97 Abs. 4 GWB enthält nur noch den Satz zu mittelständischen Interessen. Inhaltlich bleibt der Losgrundsatz Regelfall: Leistungen sind in Teillose und Fachlose aufgeteilt zu vergeben (§ 97a Abs. 1 GWB). Mehrere Lose dürfen zusammen vergeben werden, wenn wirtschaftliche oder technische Gründe dies erfordern (§ 97a Abs. 2 GWB).

Neu ist eine Infrastrukturausnahme (§ 97a Abs. 3 GWB): Mehrere Lose dürfen auch zusammen vergeben werden, wenn zeitliche Gründe dies erfordern. Das gilt nur für Infrastrukturvorhaben, deren geschätzter Auftragswert ohne Umsatzsteuer mindestens das Zweifache des jeweiligen EU-Schwellenwerts erreicht und die aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität finanziert werden oder zur Verkehrsinfrastruktur nach § 97a Abs. 4 GWB gehören.

Wann greift die Infrastrukturausnahme?
Kriterium Anforderung
Auftragswert Mindestens das Zweifache des jeweiligen Schwellenwerts nach § 106 Abs. 2 GWB, z. B. Bauleistungen 10.808.000 Euro, Liefer- und Dienstleistungen 432.000 Euro (ohne Umsatzsteuer)
Art des Vorhabens Durchführung eines Infrastrukturvorhabens
Finanzierung oder Bereich Finanziert aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität oder Teil der Verkehrsinfrastruktur (Eisenbahninfrastruktur, Bundesfernstraßen, Bundeswasserstraßen, Flugplätze)
Zeitlicher Grund Zeitliche Gründe erfordern die Gesamtvergabe
Praxishinweis: Für kommunale IT-Beschaffungen ändert sich durch § 97a GWB im Regelfall nichts. Die Infrastrukturausnahme greift nur bei großen Infrastrukturvorhaben, die aus dem Sondervermögen finanziert werden oder zur Verkehrsinfrastruktur gehören. Für alle anderen Aufträge bleibt es beim bisherigen Losgebot.
Kritische Einordnung: Handwerk und Mittelstand haben Ausnahmen vom Losgrundsatz im Gesetzgebungsverfahren kritisiert. Der Rechtsprofessor Martin Burgi warnte in der Deutschen Handwerks-Zeitung: „Ohne Losvergabe verliert das Handwerk den direkten Marktzugang.“ Bis zum 30. September 2027 muss die Bundesregierung dem Bundestag über die Auswirkungen der Ausnahme berichten, auch zur Beteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen (§ 97a Abs. 6 GWB).
03
§ 58 VgV: Digitale Souveränität als Zuschlagskriterium

Erstmals nennt die Vergabeverordnung digitale Souveränität ausdrücklich als Zuschlagskriterium, in § 58 Abs. 2 S. 2 Nr. 4 VgV. Die Aufzählung dort ist beispielhaft („insbesondere“). Auftraggeber können Aspekte der digitalen Souveränität damit gestützt auf den Wortlaut der VgV in die Angebotswertung einbeziehen.

Was genau darunter fällt, definiert die VgV nicht. Typische Ansatzpunkte in IT-Ausschreibungen sind zum Beispiel:

Interoperabilität

Einsatz interoperabler und offener IT-Systeme oder Software, die Herstellerabhängigkeit reduzieren

Datenkontrolle

Nachvollziehbarkeit und Kontrolle von Datenverarbeitungsprozessen, Lokalisierung von Daten

Zugriffsschutz

Rechtliche, organisatorische und technische Absicherung gegen unerwünschte Zugriffe oder Verfügbarkeitsbeschränkungen

Praxishinweis für IT-Ausschreibungen: Die Norm erlaubt, sie verpflichtet nicht. Zuschlagskriterien und ihre Gewichtung müssen in der Auftragsbekanntmachung oder den Vergabeunterlagen stehen (§ 127 Abs. 5 GWB, § 58 Abs. 3 VgV). Sie müssen mit dem Auftragsgegenstand in Verbindung stehen und so bestimmt sein, dass wirksam überprüft werden kann, ob die Angebote sie erfüllen (§ 127 Abs. 3 und 4 GWB).
Kritische Einordnung: Die Norm ist eher eine Klarstellung als ein Paradigmenwechsel. Der Gleichbehandlungsgrundsatz gilt weiter: Eine Ungleichbehandlung der Teilnehmer ist nur zulässig, wenn sie unionsrechtlich oder aufgrund eines Bundesgesetzes geboten oder gestattet ist (§ 97 Abs. 2 GWB). Wo die Grenze zwischen Souveränitätsanforderungen und unzulässiger Marktabschottung verläuft, werden Vergabekammern und Gerichte klären müssen.
04
Rechtsschutz: Die aufschiebende Wirkung entfällt

Dies ist die am stärksten diskutierte Änderung. Bisher hatte die sofortige Beschwerde gegen die Entscheidung der Vergabekammer aufschiebende Wirkung. Lehnte die Kammer den Nachprüfungsantrag ab, konnte das Oberlandesgericht diese Wirkung auf Antrag bis zu seiner Entscheidung verlängern. Jetzt gilt § 173 Abs. 1 GWB: Hat die Vergabekammer den Antrag abgelehnt, hat die sofortige Beschwerde keine aufschiebende Wirkung. Außerdem endet das Zuschlagsverbot, wenn der Auftraggeber vor der Vergabekammer obsiegt, schon mit der Bekanntgabe der Entscheidung (§ 169 Abs. 1 Satz 2 GWB).

Was das in der Praxis bedeutet: Weist die Vergabekammer einen Nachprüfungsantrag zurück, darf der Auftraggeber den Zuschlag erteilen, auch wenn der unterlegene Bieter sofortige Beschwerde beim Oberlandesgericht einlegt. Ein wirksam erteilter Zuschlag kann nicht aufgehoben werden (§ 168 Abs. 2 Satz 1 GWB). Für den Bieter heißt das: Die Chance, den Auftrag noch zu erhalten, besteht nach der Kammerentscheidung praktisch nicht mehr. Ihm bleibt in der Regel nur Schadensersatz. Für Vergabeverfahren, die vor dem 1. Juli 2026 begonnen haben, gilt das alte Recht weiter (§ 187 Abs. 2 GWB).

Altes Recht (Verfahren vor dem 01.07.2026)

Bieter legt Beschwerde ein → aufschiebende Wirkung, auf Antrag vom OLG bis zur Entscheidung verlängerbar → Auftraggeber wartet

Neues Recht (Verfahren ab dem 01.07.2026)

Kammer weist Antrag zurück → Beschwerde ohne aufschiebende Wirkung → Auftraggeber kann Zuschlag erteilen → Bieter bleibt in der Regel nur Schadensersatz

Kritische Einordnung: Der Deutsche Anwaltverein hat sich schon in der Verbändeanhörung zum Gesetzentwurf mit Nachdruck gegen den Wegfall der aufschiebenden Wirkung gewandt. Ein Beitrag im Vergabeblog fragte: „Bye, bye, effektiver Rechtsschutz?“ Für Auftraggeber bedeutet die Änderung weniger Wartezeit, aber auch mehr Haftungsrisiko: Wer zuschlägt und später vor dem Oberlandesgericht unterliegt, muss unter Umständen Schadensersatz leisten.
05
§ 113 GWB: Klimafreundlichkeit per Verordnung verpflichtend machbar

Das Vergabebeschleunigungsgesetz erweitert die Verordnungsermächtigung in § 113 GWB: Nach § 113 Abs. 1 Satz 2 Nr. 9 GWB kann die Bundesregierung per Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates verpflichtende Anforderungen an die Klimafreundlichkeit bei der Beschaffung von Leistungen regeln, insbesondere zur Verwendung emissionsarmer Grundstoffe wie Stahl und Zement.

Wichtig: Das Gesetz selbst verpflichtet dazu nicht. Es schafft die Rechtsgrundlage. Pflichten entstehen erst, wenn eine Rechtsverordnung auf dieser Grundlage erlassen wird.

Praxishinweis: Für IT-Ausschreibungen ist diese Änderung zunächst wenig relevant, da das Gesetz Stahl und Zement als Beispiele nennt. Die Ermächtigung ist aber nicht darauf beschränkt („insbesondere“). Eine Verordnung könnte also auch andere Leistungen erfassen. Vergabestellen sollten die weitere Entwicklung beobachten.

Was Auftraggeber jetzt anpassen sollten

Das Gesetz ist seit dem 1. Juli 2026 in Kraft. Vergabeverfahren, die vor diesem Tag begonnen haben, werden einschließlich anschließender Nachprüfungsverfahren nach altem Recht zu Ende geführt (§ 187 Abs. 2 GWB). Für neue Verfahren gilt das neue Recht. Die folgende Checkliste nennt die wichtigsten Punkte.

Direktauftragsschwelle prüfen
Auftraggeber des Bundes passen interne Vergabehandbücher und Prozesse an die 50.000-Euro-Grenze des § 55 Abs. 2 BHO an. Für Länder und Kommunen gilt die Vorschrift des eigenen Landes bzw. der eigenen Kommune.
Dokumentation bei Direktaufträgen sicherstellen
Auch beim Direktauftrag gelten die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit (§ 55 Abs. 2 BHO). Ein kurzer Vermerk zur Auswahl des Unternehmens und zum Anbieterwechsel macht die Beschaffung nachvollziehbar.
Zuschlagskriterien für IT-Ausschreibungen aktualisieren
Wer digitale Souveränität als Kriterium einsetzen möchte, sollte jetzt prüfen, welche konkreten Anforderungen (Datenlokalisierung, Interoperabilität, Open-Source-Komponenten) zur eigenen IT-Strategie passen und messbar formuliert werden können.
Rechtsschutzänderung in Planungen berücksichtigen
Weist die Vergabekammer einen Nachprüfungsantrag zurück, darf der Zuschlag ab Bekanntgabe der Entscheidung erteilt werden (§ 169 Abs. 1 Satz 2, § 173 Abs. 1 GWB). Das Risiko eines späteren Schadensersatzanspruchs bleibt. In strittigen Verfahren ist eine rechtliche Beratung vor dem Zuschlag sinnvoll.
Schulung der Vergabestelle
Die Änderungen in GWB, VgV und BHO betreffen den Alltag der Vergabestelle. Interne Schulungen und aktualisierte Vergabehandbücher helfen, die neuen Regeln einheitlich anzuwenden.

Die Kritik: Was Verbände und Juristen bemängeln

Das Gesetz hat Kritik aus Rechtswissenschaft, Anwaltschaft, Handwerk und Mittelstand ausgelöst. Die Kritikpunkte sind unterschiedlich gelagert. Ein gemeinsamer Tenor: Der erhoffte Beschleunigungseffekt stehe nicht im Verhältnis zu den rechtlichen Nachteilen.

Kritikpunkt 1: Rechtsschutz

Der Deutsche Anwaltverein hat sich mit Nachdruck gegen die Einschränkung des Rechtsschutzes gewandt. Die EU-Rechtsmittelrichtlinie 89/665/EWG verlangt eine wirksame Nachprüfung von Vergabeentscheidungen. Der Wegfall der aufschiebenden Wirkung bedeutet in der Praxis, dass unterlegene Bieter nach einer Niederlage vor der Vergabekammer meist nur noch auf Schadensersatz verwiesen sind. Den Auftrag selbst erhalten sie nach einem wirksamen Zuschlag nicht mehr, auch wenn das Oberlandesgericht ihnen später Recht gibt.

In der Fachdiskussion wird bezweifelt, ob diese Einschränkung des Primärrechtsschutzes mit dem Unionsrecht vereinbar ist. Ob der EuGH sich damit befassen wird, ist offen. Auftraggeber sollten die Entwicklung im Blick behalten.

Kritikpunkt 2: Mittelstand und Handwerk

In der Deutschen Handwerks-Zeitung warnte Rechtsprofessor Martin Burgi: „Ohne Losvergabe verliert das Handwerk den direkten Marktzugang.“ Ein Gutachten der Professoren Burgi und Eßig im Auftrag der Bundesvereinigung Bau und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks hatte im Gesetzgebungsverfahren vor einer Aufweichung des Losgrundsatzes gewarnt.

Die Infrastrukturausnahme klingt eng gefasst, ist es aber nicht zwingend: „Zeitliche Gründe“ sind ein dehnbarer Begriff, den das Gesetz nicht näher bestimmt. Die Berichtspflicht bis zum 30. September 2027 (§ 97a Abs. 6 GWB) ist aus Sicht der Kritiker eher eine politische Konzession als ein echter Schutzmechanismus.

Kritikpunkt 3: Beschleunigung in Grenzen

Die tatsächliche Beschleunigungswirkung ist fraglich. Nachprüfungsverfahren betreffen nur einen kleinen Teil aller Vergaben. Die große Mehrheit der Vergaben läuft ohne Nachprüfungsverfahren ab. Der Wegfall der aufschiebenden Wirkung trifft also wenige Verfahren, verändert aber die Rechtsschutzlage für alle Bieter.

Auch Fachbeiträge von Kanzleien verweisen auf die zum Teil erhebliche Kritik aus Fachkreisen am Wegfall der aufschiebenden Wirkung und an der Änderung des Losgrundsatzes (so etwa Gleiss Lutz, siehe Quellen).

Kritikpunkt 4: Nachhaltigkeit bleibt Kann-Regel

Die Verordnungsermächtigung für Klimafreundlichkeit ist ein politisches Signal, keine Rechtspflicht. Wer gehofft hatte, das Gesetz würde selbst verbindliche Nachhaltigkeitsanforderungen für die Beschaffung einführen, wird enttäuscht. Die Ermächtigung in § 113 Abs. 1 Satz 2 Nr. 9 GWB schafft lediglich die Möglichkeit für Verordnungen. Pflichten entstehen erst, wenn die Bundesregierung eine solche Verordnung erlässt.

Fazit: Was das Gesetz bringt und wo Vorsicht geboten ist

Das Vergabebeschleunigungsgesetz bringt für öffentliche Auftraggeber reale Erleichterungen, vor allem bei Direktaufträgen des Bundes und bei der Möglichkeit, digitale Souveränität in Ausschreibungen einzubeziehen. Der Preis dafür ist hoch: Der Rechtsschutz für Bieter wird spürbar eingeschränkt. Das kann auch Auftraggeber treffen, wenn fehlerhafte Zuschläge später zu Schadensersatzforderungen führen.

Was das Gesetz bringt
  • Direktaufträge des Bundes bis 50.000 Euro (§ 55 Abs. 2 BHO)
  • Digitale Souveränität als Zuschlagskriterium (§ 58 VgV)
  • Schnellerer Zuschlag nach Entscheidung der Vergabekammer
  • Rechtsgrundlage für klimafreundliche Pflichtanforderungen
Wo Vorsicht geboten ist
  • Weniger Primärrechtsschutz nach der Kammerentscheidung: Schadensersatzrisiko bleibt
  • Infrastrukturausnahme: dehnbarer Begriff „zeitliche Gründe“
  • Vereinbarkeit der Rechtsschutzregelung mit EU-Recht: umstritten
  • Klimapflichten: erst mit einer Rechtsverordnung

Für IT-Ausschreibungen gilt: Das Gesetz ändert die grundlegende Verfahrenslogik nicht, wohl aber einzelne Schritte. Die Leistungsbeschreibung muss den Auftragsgegenstand „so eindeutig wie möglich“ beschreiben, das Wort „erschöpfend“ ist aus § 121 Abs. 1 GWB gestrichen. Die Eignung soll grundsätzlich durch Eigenerklärungen nachgewiesen werden (§ 122 Abs. 3 GWB). Im offenen Verfahren prüft der Auftraggeber die Angebote vor der Eignung, wenn nicht ein erhöhter Aufwand oder andere verfahrensbezogene Gründe entgegenstehen (§ 42 Abs. 4 VgV). Die neuen Spielräume bei Souveränitätskriterien und die höhere Direktauftragsgrenze sind zu nutzen, wo sie sinnvoll sind, aber kein Ersatz für die inhaltliche Qualität der Unterlagen.

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Quellen

  1. Gleiss Lutz: "Bundestag verabschiedet Vergabebeschleunigungsgesetz", gleisslutz.com, 2026.
  2. Oppenhoff: "Neues Vergabebeschleunigungsgesetz: Weitreichende Änderungen für öffentliche Vergaben ab Juli 2026", oppenhoff.eu, 2026.
  3. Bundeswirtschaftsministerium (BMWE): "Die öffentliche Beschaffung vereinfachen, beschleunigen und digitalisieren", bundeswirtschaftsministerium.de, 2025.
  4. Vergabeblog: "Bye, bye, effektiver Rechtsschutz?", vergabeblog.de, 2025.
  5. Deutsche Handwerks-Zeitung: "Ohne Losvergabe verliert das Handwerk den direkten Marktzugang" (Interview mit Prof. Martin Burgi), deutsche-handwerks-zeitung.de, 2025.
  6. Noerr: "Bundestag beschließt Gesetz zur Beschleunigung der Vergabe öffentlicher Aufträge", noerr.com, 2026.
  7. Bundesgesetzblatt: "Gesetz zur Beschleunigung der Vergabe öffentlicher Aufträge vom 12. Mai 2026", BGBl. 2026 I Nr. 137, ausgegeben am 18.05.2026.
  8. Gesetze im Internet: § 97a GWB, § 173 GWB, § 55 BHO, § 58 VgV, abgerufen am 29.10.2026.
  9. Vergabeblog: "Vergabebeschleunigungsgesetz: Anwaltschaft wendet sich gegen Rechtsschutzverkürzung", vergabeblog.de, 2025.
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