Im Bauwesen gibt es GAEB-Dateien und AVA-Software. In der IT-Vergabe gibt es das nicht. Was Excel zum De-facto-Standard macht, was wirklich in ein IT-LV gehört und wie der BGH die Form bewertet.
Das Leistungsverzeichnis (LV) ist das zentrale Dokument jeder öffentlichen Ausschreibung. Es beschreibt die zu beschaffende Leistung in einzelnen Positionen mit Menge, Einheit, Beschreibung und Vergütung. Das LV ist nicht nur eine Anforderungsliste, sondern die rechtliche Basis für den späteren Vertrag und der Maßstab, an dem Angebote vergleichbar gemacht werden.
In der Praxis erfüllt das LV drei zentrale Funktionen:
Die Form ist deshalb nicht beliebig. Wer ein LV als unstrukturierte Word-Datei verschickt, kommt schnell an Grenzen: Es lässt sich nicht maschinell auswerten, Mengen werden nicht automatisch hochgerechnet, Bewertungspunkte müssen händisch eingetragen werden. Genau hier setzt im Bauwesen seit Jahrzehnten ein Standard an: GAEB.
Wer im Bauwesen ausschreibt, hat einen klar definierten Werkzeugkasten. Die wichtigsten Komponenten:
GAEB steht für Gemeinsamer Ausschuss Elektronik im Bauwesen. Der Ausschuss entwickelt seit Jahrzehnten standardisierte Datenformate für Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung von Bauleistungen. Aktuelle Version ist GAEB DA XML 3.3; eine Version 3.4 liegt als Beta vor. Ältere Formate wie GAEB 2000 und GAEB 90 unterstützt der GAEB fachlich nicht mehr. Praktische Bedeutung: Wer ein Bau-LV in GAEB DA XML versendet, kann davon ausgehen, dass Bieter es mit ihrer AVA-Software einlesen und kalkulieren können.
AVA ist die Abkürzung für Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung. AVA-Software begleitet diese drei Phasen elektronisch: Leistungspositionen erfassen, Mengenermittlung, Angebotsvergleich, Vergabevorschlag, Abrechnung. Im Bauwesen gibt es etablierte AVA-Lösungen, die durchgängig auf GAEB-Formaten arbeiten. HOAI-Leistungsphasen 6, 7 und 8 sind ohne AVA-Software in größeren Projekten kaum noch denkbar.
Praxisfolge: Im Bauwesen ist die Form-Frage entschieden. Ausschreibende Stellen versenden GAEB-Dateien, Bewerber kalkulieren in ihrer AVA-Software, Angebote kommen formatgleich zurück. Die Vergleichbarkeit der Angebote ist technisch hergestellt, bevor die Bewertung beginnt.
In der IT-Vergabe sucht man ein Pendant zu GAEB vergeblich. Es gibt im Bundesbereich zwar etablierte Hilfsmittel, aber keinen verbindlichen Datei-Standard:
Ergänzende Vertragsbedingungen für die Beschaffung von IT-Leistungen. Vom KoopA ADV (Bund, Länder, Kommunen) in Abstimmung mit dem Bitkom formuliert. Mehrere Vertragstypen, etwa für Kauf, Dienstleistung, Erstellung und Pflege. Ist ein juristisches Rahmenwerk, kein Datei-Format.
Unterlage für Ausschreibung und Bewertung von IT-Leistungen. Stellt Methoden für Anforderungsbeschreibung, Bewertungsmatrix und Eignungskriterien bereit. Ist eine Methodik, kein verbindliches Datei-Format.
Drei Gründe, warum sich kein GAEB-Pendant durchgesetzt hat:
In der Praxis hat sich deshalb Excel als gemeinsamer Nenner durchgesetzt. Excel ist kein gesetzlicher Standard, sondern eine pragmatische Lösung: Jeder Bewerber hat es, jeder kann darin rechnen, jeder kann es zurücksenden. Wo ein Standard fehlt, springt das verbreitetste Werkzeug ein.
Diese Frage ist in der Praxis bedeutsam. Wenn ein Auftraggeber sagt „Bitte als Excel-Datei abgeben“, was passiert, wenn ein Bieter stattdessen PDF einreicht? Darf das Angebot ausgeschlossen werden? Eine wichtige Antwort lieferte der Bundesgerichtshof:
Der BGH hat entschieden, dass öffentliche Auftraggeber nach § 13 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 VOB/A 2016 festlegen dürfen, welche elektronischen Mittel und damit welches Dateiformat bei der Angebotsabgabe zu verwenden sind. Im konkreten Fall ging es um die Vorgabe von GAEB d.84 oder x.84 bei einer Bau-Ausschreibung. Ein Angebot, das die Vorgabe nicht einhält, ist nicht formgerecht und nach § 16 Abs. 1 Nr. 2 VOB/A 2016 auszuschließen, auch wenn es inhaltlich vollständig ist.
Anwendungsbereich: Das Urteil betrifft die VOB/A 2016 (Bauvergabe) und ist in der Fachliteratur umstritten. Ob es auf Verfahren nach VgV oder UVgO übertragbar ist, hat der BGH nicht entschieden. Die VgV regelt den Ausschluss nicht formgerecht eingegangener Angebote in § 57 Abs. 1 Nr. 1.
Für IT-Vergaben heißt das praktisch: Wer ein bestimmtes Format für das Preisblatt will, sollte es eindeutig in den Vergabeunterlagen vorgeben. Eine pauschale Aussage „Angebote in Excel oder PDF“ lässt den Bietern Spielraum, eine Festlegung „Bitte ausschließlich die beiliegende Excel-Vorlage in xlsx zurücksenden“ ist eindeutig. Welche Folgen eine Abweichung im Einzelfall hat, beurteilt Ihre Vergabestelle.
Weil es kein verbindliches Format wie GAEB für die IT gibt, entscheidet jede Vergabestelle selbst, wie ihr LV aufgebaut ist. Spaltenstruktur, Bewertungslogik, Mengenangaben, Anlagentiefe: alles individuell. Ein Blick in das Vergabe-Archiv mit über 100.000 Vergabeunterlagen zeigt, wie unterschiedlich LVs aufgebaut sind.
Zwei Welten zeichnen sich ab:
Der Unterschied zeigt sich im Verfahren. Je klarer das LV, desto weniger Klarstellungsfragen kommen in der Regel. Jede Bieterfrage kostet Vergabestelle und Bieter Zeit. Antworten gehen in der Regel an alle Bieter, und wesentliche Änderungen an den Vergabeunterlagen verlangen oberhalb der Schwellenwerte eine Verlängerung der Angebotsfrist (§ 20 Abs. 3 VgV). Auch nach Zuschlag setzt sich das Muster fort: Was im LV unklar war, wird zum Nachtrag im Betrieb.
Für dieses Problem haben wir die Muster-Leistungsverzeichnisse gebaut. Sie geben Vergabestellen einen einheitlichen Rahmen für häufige IT-Beschaffungsthemen: Positionsstruktur, technische Mindestanforderungen und Anlagen sind ausgearbeitet und an BSI IT-Grundschutz orientiert. Sie passen Mengen und fachliche Schwerpunkte an. Einstufung, Gewichtung sowie Eignungs- und Zuschlagskriterien legt Ihre Vergabestelle fest.
Die Vorlagen sind ein Ausgangspunkt: Mengengerüst, Schnittstellen und Abnahmekriterien passen Sie an Ihr Vorhaben an.
Ein lückenhaftes oder widersprüchliches LV kann teuer werden. Die Folgen reichen von Nachträgen während der Leistungserbringung bis zur kompletten Aufhebung des Verfahrens. § 63 Abs. 1 VgV erlaubt die Aufhebung unter anderem, wenn kein Angebot eingegangen ist, das den Bedingungen entspricht, oder wenn sich die Grundlage des Vergabeverfahrens wesentlich geändert hat. Eine automatische Aufhebungspflicht bei jedem LV-Fehler gibt es nicht. Bieter können Mängel aber rügen und ein Nachprüfungsverfahren beantragen (§ 160 GWB).
In der Praxis treten diese Fehler immer wieder auf:
Eine Anforderung wird in der Leistungsbeschreibung erwähnt, taucht aber in keiner LV-Position auf. Oder zwei Positionen widersprechen einander (z. B. „On-Premise“ in Position 03 und „Cloud“ in Position 12). Bieter kalkulieren dann auf unterschiedlicher Grundlage.
„Ca. 200 Lizenzen“ ist keine kalkulationsfähige Menge. Bewerber kalkulieren entweder mit Puffer (zu teuer) oder ohne (Nachträge im Betrieb). Konkrete Schätzwerte mit klarer Über-/Unterschreitungsklausel sind besser.
„Funktionsumfang wird bewertet“ reicht nicht. Es muss klar sein, welche Punkte für welche Eigenschaften vergeben werden und wie die Gewichtung gegenüber dem Preis ist.
Formulierungen wie „sach- und fachgerecht“ oder „liefern und installieren“ wirken juristisch sauber, sind aber nicht messbar. Konkrete Anforderungen sind besser: „Installation gemäß Anlage X bis spätestens 14 Werktage nach Lieferung.“
Wenn LV und EVB-IT-Vertragsanlage dasselbe regeln, entstehen Widersprüche. Klare Aufgabenteilung: technische Anforderungen ins LV, vertragsrechtliche Themen in die Vertragsanlage.
Wenn Excel der praktische Standard ist, lohnt sich eine saubere Struktur. Diese sechs Punkte helfen, ein Excel-LV übersichtlich und vergleichbar zu halten:
Ein Blatt für Kopfdaten, eins für Eignung, eins pro Los oder Hauptkapitel, eins für die Bewertungsmatrix. Vermischen führt zu Übersichtsverlust.
Bewerber tragen nur den Einheitspreis ein. Gesamtpreis pro Position und Endsumme werden per Formel berechnet. Eingabefelder einfärben (z.B. hellgrau), gesperrte Felder neutral lassen.
Excel-Blattschutz mit definierten Eingabezellen verhindert, dass Bewerber Mengen, Formeln oder Beschreibungstexte ändern. Damit bleibt das LV technisch vergleichbar.
„EP netto in EUR“, „Menge“, „ME (Einheit)“. Keine Mehrdeutigkeit. Keine zusammengeführten Zellen über mehrere Spalten, das bricht beim Auswerten.
„LV_Verfahrensname_v3_2026-05-15.xlsx“. Bei Bieterfragen und Antworten werden oft neue Versionen verteilt, ohne klare Nummerierung kalkuliert mancher auf der falschen.
„Bitte ausschließlich diese Datei in xlsx zurücksenden, ohne Strukturänderungen.“ Eine eindeutige Formulierung vermeidet Diskussionen über zulässige Alternativen.
Zwei Produkte helfen beim Aufbau eines Excel-LV:
Für häufige IT-Beschaffungsthemen (EDR, SIEM, MFA, M365, NGFW, SAP, iPad, NDR, XDR, SOC und weitere) bieten wir LV-Vorlagen mit Positionsstruktur, technischen Mindestanforderungen und Anlagen. Editierbar und an BSI IT-Grundschutz orientiert; die Gewichtung legt Ihre Vergabestelle fest.
Muster-LV ansehen →Recherchedatenbank mit über 100.000 Vergabeunterlagen öffentlicher Auftraggeber. Sehen Sie, wie vergleichbare Vergabestellen Positionen formuliert, Bewertungsmatrizen aufgebaut und CPV-Codes vergeben haben.
Vergabe-Archiv ansehen →Wenn noch kein passendes Themen-Muster vorliegt, liefert unsere branchenoffene Blanko-Vorlage ein Excel-Grundgerüst. Blättern Sie durch die ersten Seiten:
Einen eigenen technischen Entwurf erstellt der Leistungsverzeichnis-Generator: aus Ihren Angaben in wenigen Minuten ein LV mit Excel-Preisblatt. Gewichtung und rechtliche Festlegungen bleiben darin Platzhalter für Ihre Vergabestelle.
Quellen
Muster-LVs als Ausgangspunkt und reale Vergleichsverfahren aus dem Vergabe-Archiv.
Sie haben eine konkrete Beschaffung vor sich und wollen sehen, wie andere sie aufgesetzt haben? Das Vergabe-Archiv zeigt vergleichbare Verfahren. Bei Fragen zu den Produkten melden Sie sich gern.